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Das Ritual

Der Weihnachtsbaum ist nicht einfach nur eine besondere Dekoration zu einem Fest. Er ist Mittelpunkt eines Rituals – oder eigentlich einer ganzen Ansammlung von Ritualen. In den meisten Familien spielt sich zu Weihnachten eine festgelegte, immer gleich ablaufende Choreografie ab. Wären wir Forscher aus einem fernen Land, in dem man Weihnachten nicht kennt, würden wir wahrscheinlich, beim Spähen durch weihnachtliche Fenster, von Schamanismus und Zauberkulten ausgehen.

Wir haben uns mal umgehört und viele Menschen aus allen Teilen Deutschlands gefragt, wie in ihren Familien früher und heute das Fest rund um den Tannenbaum begangen wurde und wird.

Die Ergebnisse waren erstaunlich!

Eines wurde ganz klar: Weihnachten ist ein jedes Jahr gleich ablaufendes Ritual. Zwar gibt es gewisse familiäre Abweichungen, aber tatsächlich werden einige ritualisierte Elemente von fast allen Befragten genannt.

So scheint es zum Beispiel für die meisten Familien sehr wichtig zu sein, dass der Weihnachtsbaum bis zur Zimmerdecke reicht. Es gilt als eine regelrechte Katastrophe, wenn da oben noch ein halber oder gar ganzer Meter Platz bleibt. Man munkelt sogar, dass die Christbaumspitzen nur deshalb erfunden wurden, um den Abstand zur Decke auszugleichen. Jetzt wissen wir auch, warum die Zimmer in den Altbauten so groß sind: Damit der Weihnachtsbaum hinein passt! Bei einem Baum, der über drei Meter groß ist, muss man unten am Boden schon mit einem beträchtlichen Durchmesser rechnen.

Jede Familie scheint einen genau festgelegten Tag im Advent zu haben, an dem der Weihnachtsbaum gekauft wird. Warum gerade dieser Tag? – keiner weiß es, das war schon immer so. Na gut! Zum Glück unterscheiden sich diese Baumkauftage stark, sonst hätten wir ein Problem an unseren Weihnachtsbaum-Verkaufsständen…

Richtig spannend wird es, wenn es um das Schmücken geht. Da ist die Rollenverteilung auch klar geregelt: Sind die Kinder noch klein, schmückt das Christkind, sind die Kinder größer, schmücken sie selber oder immer die Mama oder immer der Papa. Selten schmücken alle gemeinsam.

Beim Schmücken wird meist auch rituell immer die gleiche Musik gehört. Das reicht von einer bestimmten „Heino mit Kinderchor“-Platte über eine Endlosschleife von „Do they know it’s Christmas“ bis hin zu Gospel-CDs oder „Last Christmas“ aus den Achtzigern (Tatsächlich: An Weihnachten wird die unsäglichste Musik geliebt, die sonst 364 Tage im Jahr als Geschmacksverirrung gilt.).

Das Christkind schmückt meistens in der Nacht vor Heiligabend oder wenn alle in der Kirche sind. Dabei werden den Kindern die fadenscheinigsten Ausreden aufgetischt, warum Mama nicht mit kann oder das Krippenspiel jedes Jahr frühzeitig verlassen muss.

Es ist ja so: Die Menschen wollen belogen werden! Das fängt schon zu Weihnachten bei den Kindern an. Man kommt grundsätzlich so spät vom Krippenspiel oder der Messe oder dem Spaziergang zurück, dass man GERAAAAAAAAAAAAAAAAADE das Christkind verpasst hat, welches den Baum geschmückt oder die Geschenke gebracht hat. Auch wenn das acht Jahre so geht, bleiben sonst durchaus vernünftige Kinder dabei, dass es genau SO ist. Das gilt auch für die in fast allen Familien strengstens verschlossene Wohnzimmer- oder Stubentür am 24. Dezember. Da ist nämlich dann das Christkind drin! Jaaaa, jaaaaa!

Tja und junge Menschen mit Smartphones, „Was geht Alda“ und pubertärem Augenrollen, bestehen zu Weihnachten darauf, dass alle alten Rituale eingehalten werden. Natürlich glauben sie nicht mehr an das Christkind (das taten sie meistens schon mit 5 nicht mehr), aber Menschen lieben Rituale. Besonders die Rituale, die ihnen die glücklichsten und aufregendsten Kindertage beschert haben. Auch wenn Eltern etwas entnevt fragen, ob es denn inzwischen nicht ohne Weihnachtsbaum geht, schreit die erwachsene Schar der Sprösslinge entschieden „NEIN!“. Und wenn schon Enkel da sind, gibt es überhaupt keine Diskussion. Die Kleinsten müssen auch in das ewige Ritual der Weihnachtschoreografie eingeweiht werden.

Aber zurück zum Tannenbaum. Es wird also heimlich geschmückt. Mütter nehmen dafür Nachtschichten und Dauerläufe (von der Kirche nach Hause) in Kauf. Sie haben ja auch sonst an Weihnachten nichts zu tun…

Apropos: Essen spielt am Heiligen Abend eine erstaunlich untergeordnete Rolle. Genauso häufig, wie es als vollkommen unumstößlich gilt, dass der Baum bis zur Zimmerdecke reicht, scheint es eine naturgegebene Selbstverständlichkeit zu sein, am Heiligabend Kartoffelsalat mit Würstchen zu essen. Und das muss schon eine sehr alte Gewohnheit sein, denn dieses Essen gab es an Weihnachten sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland während die Mauer noch stand.

Aber wir schweifen schon wieder vom Tannenbaum ab. Es gibt ein drittes, ehernes Gesetz den Weihnachtsbaum betreffend: Egal wann geschmückt wird und ob heimlich oder nicht - die Lichter am Baum dürfen auf keinen Fall vor dem Heiligen Abend leuchten! Das ist wie mit der Braut, deren Kleid der Bräutigam nicht vor der Hochzeit sehen darf. Weihnachtsbaumbeleuchtung vor der Abenddämmerung des 24. Dezember – undenkbar! Frevel! NO GO!

Ist es dann endlich draußen dunkel und die Kinder (und Eltern) haben alle Hinhaltestrategien vor der Bescherung hinter sich gebracht, dann – ja dann kommt der große Augenblick!

Würde man aus Umfragen, den wahrscheinlichsten rituellen Ablauf des Heiligen Abends in deutschen Familien entwerfen, sähe der ungefähr so aus:

Die Kinder stehen in ihren besten Festtagsklamotten vor der geschlossenen Tür des Weihnachtszimmers und drehen fast durch vor Anspannung.

Hinter dieser Tür erklingt dann das erlösende Glöckchen (in der Regel eins, das in der Familie schon über Generationen zu diesem Zweck benutzt wird) und die Kinder dürfen eintreten. Weihnachtsmusik erklingt und da steht er: Der wundervoll geschmückte, strahlende, leuchtende, bezaubernde und jedes Jahr in diesem Moment magische Weihnachtsbaum!

Die Eltern freuen sich über die Freude der Kinder und halten ihre Handys hoch um Fotos zu machen.

Jetzt kommt der Punkt, an dem die Rituale stark voneinander abweichen. Bei den einen werden (auch rituell so gewollt) die liebevoll verpackten Geschenke wie in einem Rausch nacheinander aufgerissen. Bei anderen müssen die Kinder immer noch Nerven beweisen und erst mal ein Gedicht aufsagen oder im Familienverbund ein Lied singen oder auf der Blockflöte spielen.

Es gibt auch gesittetere Rituale des Geschenke-Auspackens, bei denen reihum immer ein Familienmitglied ein Geschenk unter dem Baum hervor holen darf und es vor aller Augen ausgepackt und bewundert wird. Das wäre allerdings für kleinere Kinder dann der Gipfel der Selbstbeherrschung und eher nicht empfehlenswert.

Der gemütlichste Teil des Heiligen Abends kommt dann meist, wenn zu etwas vorgerückter Stunde die Kinder schon in ihre Geschenke und die Eltern ihre Getränke vertieft sind. Alle sind glücklich und satt vor lauter Liebe und Plätzchen um den leuchtenden Tannenbaum versammelt. Es duftet himmlisch, es ist warm, zwei gesegnete Feiertage stehen bevor und es ist endlich, endlich Weihnachten!

Der Weihnachtsbaum, das strahlende Kultobjekt, an welches sich all diese Gefühle, Erinnerungen und Vorfreuden knüpfen, bleibt noch mindestens zwei Wochen in seiner ganzen Pracht stehen und es kommen viele gemütliche und lustige Abende, an denen wir ihn genießen.

Wir meinen: Ein unfassbar schönes Ritual!

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